John Collier – Die richtige Seite
30. April 2006 at 11:54 by Jörn Worth Reading
Ein junger Mann von außerordentlich blassem Aussehen ging bis zur Mitte der Westminster-Brücke und kletterte auf die Brüstung. Ein dunkelhäutiger Herr, etliche Jahre älter, im Abendanzug mit dunkelrotem Futter, einem Inverness-Mantel, mit Monokel und kurzem Spitzbart erschien wie aus dem Nichts und packte ihn am Arm.
“Lassen Sie mich los, verdammt!” murmelte der verhinderte Selbstmöder, wobei er zerrte und trat.
“Kommen Sie runter und gehen Sie neben mir”, sagte der Fremde, “oder der Polizist dort, der schon ein, zwei Schritte auf uns zu gemacht hat, wird Sie ganz gewiß verhaften. Lassen Sie uns so tun, als wären wir zwei Freunde, von denen der eine etwas Aufregung suchte, während sich der andere Sorgen machte, er könnte das Gleichgewicht verlieren und hinunterstürzen.”

Der junge Mann, der so gern in der Themse gewesen wäre, hatte einen großen Widerwillen, in einer Gefängniszelle zu sein. Dementsprechend nahm er den Schritt des Fremden auf, lächelte (denn sie kamen gerade an dem Bobby vorbei) und sagte: “Verflucht sollen Sie sein! Warum können Sie sich nicht um Ihre eigenen blöden Angelegenheiten kümmern?”
“Aber, mein lieber Philip Westwick”, erwiderte der andere, “ich betrachte Sie durchaus als meine Angelegenheit.”
“Wer können Sie sein?” rief der junge Mann ungeduldig aus. “Ich kenne Sie nicht. Wie sind Sie an meinen Namen gekommen?”
“Er ist mir”, sagte sein Begleiter, “eben erst vor einer halben Stunde eingefallen, als Sie Ihren übereilten Entschluß faßten.”
“Ich weiß nicht, wie das sein kann”, sagte Philip. “Und ich will’s auch gar nicht wissen.”
“Ihr verliebten Männer”, sagte sein Begleiter, “seid durch nichts zu überraschen, außer erstens, daß eure Angebetete etwas an euch findet, und dann, daß sie etwas an einem anderen findet.”
“Woher wissen Sie”, rief unser armer Philip aus, “daß es um so etwas ging?”
Ich weiß es, und noch viel mehr, was ebenso lächerlich ist”, erwiderte der andere. “Was würden Sie sagen, wenn ich Sie daran erinnerte, daß Sie vor gut einem Monat, als Sie im Himmel zu sein glaubten und tatsächlich in den Armen Ihrer Millicent lagen, eine Art Überdruß verspürten und sich in der Tat wünschten, sie möge sich in die kleine Brünette verwandeln, die in der Teestube in der Bond Street serviert? Und jetzt sind Sie drauf und dran, Selbstmord zu begehen, weil Ihre Millicent Sie verlasse hat, obwohl die kleine Brünette meines Wissens immer noch in der Bond Street ist. Was sagen Sie dazu?”
“Es scheint Ihnen nicht bewußt zu sein”, sagte Philip, “daß die Wünsche eines Mannes, wenn er in den Armen seines Mädchen liegt, und seine Wünsche, wenn wahrscheinlich jemand anderes dort liegt, zwei ganz verschiedene Dinge sind. Im Übrigen gebe ich zu, daß Ihr Wissen teuflisch unheimlich ist.”
“Das ist nur natürlich”, erwiderte der andere mit einem selbstgefälligen Lächeln, an dem Philip sogleich erkannte, daß sein Begleiter kein anderer als der Teufel selbst war.
“Was haben Sie vor?” fragte er und rückte ein wenig ab.
Mit einem Blick voll außerordentlichem Wohlwollen bot ihm der Teufel eine Zigarette an.
“Ich nehme an, da sind keine Drogen drin?” wollte Philip wissen, während er mißtrauisch an der Zigarette schnupperte.
“Also ich bitte Sie!” sagte der Teufel spöttisch. “Glauben Sie, ich müßte zu derlei Mitteln Zuflucht nehmen, um Sie zu überwinden? Ich habe die Vernunft auf meiner Seite. Feuer?” Ohne auf eine Antwort zu warten, streckte er den Mittelfinger aus, dessen Spitze die Zigarette sofort in Brand setzte.
“Sie sind dafür bekannt, daß Ihre Vernunftsgründe auf ein gewissen Ziel aus sind”, sagte Philip. “Ich habe wenig Lust, in Ewigkeit verdammt zu sein.”
“Was haben Sie denn erwartet”, sagte der Teufel, “als Sie Selbstmord planten?”
“Ich sehe nichts Schlechtes darin”, sagte unser Held.
“Das tut der junge Hund auch nicht, wenn er die Pantoffeln seines Herrchens zerbeißt”, entgegnete der Teufel. “Trotzdem wird er dafür bestraft.”
“Ich kann es nicht glauben”, sagte Philip starrsinnig.
“Dann kommen Sie mit”, sagte der Teufel und führte ihn zu einem Rummelplatz in der Nähe der Tottenham Court Road. Hier vergnügten sich einige der häßlichsten Wichte auf Erden mit Glücksspielen, andere schauten in Guckkästen, die Szenen aus dem Pariser Nachtleben zeigten. Die übrigen befaßten sich mit Taschendiebstahl, verhandelten mit gewissen weiblichen Stammgästen der Gegend, fluchten und führten allerlei schmutzige Reden.
Der Teufel betrachtete sie alle ganz so, wie jemand nach einem Spaziergang zwischen den Mohn- und Kornblumen der Felder die wohlgehegten Pflanzen in seinem Garten hinterm Haus betrachtet. Der Portier tippte sich an die Mütze, ganz so, wie es Gärtner tun; der Teufel erwiderte den Gruß, nahm einen Hausschlüssel und führte Philip zu einer kleinen Tür in der Wand, die, als sie offen war, den Weg zu einem kleinen Privatlift freigab.
Sie stiegen ein und fuhren mehrere Minuten lang mit unglaublicher Geschwindigkeit abwärts.
“Mein lieber Teufel”, sagte Philip und zog an seiner Zigarette, die tatsächlich Drogen enthielt und ihm den Eindruck vermittelte, ein Mann von Welt zu sein, “mein lieber Teufel, wenn wir in dem Tempo weiterfahren, sind wir bald direkt in der Hölle.”
Nichts hätte wahrer sein können. Der Fahrstuhl hielt an, und sie stiegen aus. Sie befanden sich in einer großen Halle, die am ehesten ans Foyer eines riesigen Theaters oder Kinos erinnerte. Es gab zwei, drei Kartenschalter, vor denen die Eintrittspreise angezeigt wurden: Parkett – Völlerei, Privalogen – Wollust, erster Rang – Eitelkeit, Galerie – Trägheit, und so weiter. Es gab auch eine Bar, an der ein, zwei uniformierte Teufel mit den Bardamen plauderten, unter denen unser Freund zu seinem Erstaunen die kleine Brünette aus der Bond Street sah.
Hin und wieder öffnete sich die Tür zu dem großen Zuschauerraum, und es war deutlich, daß die laufende Vorstellung lebhaft war.
“Da drüben gibt es eine Tanzdiele”, sagte der Teufel, “zu der ich Sie eigentlich führen wollte.”
Eine Tür wurde für sie geöffnet. Sie fanden sich in einem ziemlich großen Raum, der im Grottenstil errichtet war, mit Farnen und imitiertem Gestein und einer feucht-kühlen Luft. Eine Kapelle spielte eine Travestie auf Scarlatti. Etliche Leute tanzten ziemlich lustlos. Philip bemerkte, daß viele von ihnen abstoßend dick waren.
Der Teufel begleitet ihn zu einem schlanken und bleichen Mädchen, murmelte ein paar Worte, und Philip, der nicht wußte, war er anderes tun sollte, verbeugte sich, bot ihren den Arm an, und sie kreisten durch den Raum.
Sie tanzte sehr matt und hielt die schweren Lider gesenkt. Philip machte ein, zwei belanglose Bemerkungen. “Kommen Sie oft hierher?” fragte er. Sie lächelte schwach, gab aber keine Antwort.
Er war ein wenig pikiert, daß sie so lustlos blieb (außerdem hatte er eine von den Zigaretten des Teufels geraucht). “Wie kalt Ihren Hand ist!” sagte er, während er sie leicht drückte. Das war sie in der Tat. Er manövrierte seine verschlossene Partnerin in eine Ecke, wo er ihre Taille weitaus stärker umfaßte, als zum Tanzen nötig war. Er spürte, wie eine feuchte Kälte durch seinen Jackenärmel drang, und ein leichter, aber unverkennbarer Geruch von Flußschlamm war wahrzunehmen. Er schaute sie eingehend an und bemerkte einen ausgesprochenen Perlmuttschimmer in ihren Augen.
“Ich haben Ihren Namen nicht verstanden”, sagte Philip.
Seine Partnerin bewegte kaum die farblosen Lippen. “Ophelia”, sagte sie.
“Entschuldigen Sie mich”, sagte Philip.
Unverzüglich gesellte er sich wieder dem Teufel zu.
“Nun”, sagte der würdevoll, “können Sie immer noch nicht glauben, daß diejenigen, die sich ertränken, in Ewigkeit verdammt sind?”
Philip mußte das zugeben.
“Sie haben keine Vorstellung, wie sehr sich dieses arme Mädchen langweilt”, sagte der Teufel mitfühlend. “Dabei ist sie erst seit ein paar hundert Jahren hier. Was ist das im Vergleich zur Ewigkeit?”
“Sehr wenig. Sehr wenig, in der Tat.”, sagte Philip.
“Sie sehen, welche Partner sie bekommt”, bemerkte der Erzfeind. “Bei jedem Tanz lassen sie einander ein wenig Unangenehmes von der Art spüren, die Sie so beunruhigt hat.”
“Aber warum sollten sie in einer Tanzdiele sein?” fragte Philip.
“Warum nicht?” sagte der Teufel mit einem Achselzucken. “Nehmen Sie noch eine Zigarette.”
Dann schlug er vor, sie sollten sich in sein Büro begeben, um das Geschäftliche zu besprechen.
“Also, mein lieber Westwick”, sagte er, als sie es sich in Lehnsesseln bequem gemacht hatten, “worauf wollen wir uns einigen? Ich kann natürlich alles, was sich ereignet hat, ungeschehen machten. In diesem Fall werden Sie sich auf der Brüstung wiederfinden, mitten im Sprung, gerade als ich Sie am Arm packte. Kurz danach werden Sie in der kleinen Tanzdiele eintreffen, die Sie gesehen haben, ob dick oder dünn, hängt von den Launen des Wassers ab.”
“Es ist Nacht”, sagte Philip. “Der Fluß strömt mit vier Meilen pro Stunde. Ich würde wahrscheinlich unbemerkt aufs offene Meer treiben. Ja, ich wäre höchstwahrscheinlich einer von den Dicken. Sie schienen mir ein ausgeprägtes Defizit an Sex Appeal zu haben, wenn Ihnen die Begriffe etwas sagen.”
“Ich habe davon gehört”, sagte der Teufel mit einem Lächeln. “Nehmen Sie eine Zigarre.”
“Nein, danke”, sagte Philip. “Welche Alternative schlagen Sie vor?”
“Hier ist unsere Standardvertrag”, sagte der Teufel. “Sie sollten doch eine Zigarre nehmen. Sie sehen: unbeschränktes Vermögen, fünfzig Jahre, die schöne Helena – also das ist veraltet. Sagen wir, Miss…” Und er nannte den Namen eines reizenden Filmstars.
“Natürlich”, sagte Philip, “ist da die kleine Klausel über den Besitz meiner Seele. Ist das wesentlich?”
“Nun ja, das ist so üblich”, sagte der Teufel. “Lassen wir’s lieber stehen. Hier kommt die Unterschrift hin.”
“Also ich weiß nicht, sagte Philip. “Ich glaube, ich werde nicht unterschreiben.”
“Was?” schrie der Teufel.
Unser Held machte einen Schmollmund.
“Ich möchte Ihnen nichts einreden, mein lieber Westwick”, sagte der Teufel, “aber haben Sie den Unterschied bedacht, ob sie morgen als ertrunkener Selbstmörder hier ankommen oder – in fünfzig glorreichen Jahren, wohlgemerkt – als Mitglied des Personals? Das waren Mitglieder des Personals, die Sie an der Bar mit der kleinen Brünette haben reden sehen. Nettes Mädchen!”
“Egal”, sagte Philip. “Ich glaube nicht, daß ich unterschreiben werde. Trotzdem vielen Dank.”
“Na schön”, sagte der Teufel. “Dann zurück mit Ihnen!”
Philip hatte die Empfindung rascher Bewegung, er schien wie eine Rakete emporzuschießen. Dennoch behielt er seine Geistesgegenwart und die Füße unten, und als er auf der Brüstung landete, sprang er hinunter, aber auf der richtigen Seite.
Zitiert aus: Gefährliche Possen, Komische phantastische Geschichten, Terry Pratchett, Douglas Adams u.a., herausgegeben von Peter Haining, Wilhelm Heyne Verlag München, 1998
-Jörn