Panzerballett: Interview mit Jan Zehrfeld
24. August 2006 at 10:57 by Jörn Common,Music

Ende Juli dieses Jahres fand im akw! in Würzburg das jährliche Freakshow Artrock-Festival statt. Andere haben darüber schon berichtet, unter anderem Udo in einem ausführlichen Beitrag[1].

Mein persönliches Highlight war dort die Band Panzerballett[2]. In der Progshow gab es eine Woche zuvor bereits einen Track zu hören, der definitiv Lust auf mehr machte. Die Begeisterung über den “mitreißenden Mix aus durch Meshuggah inspirierten heftigen Metal-Klängen, schwer vertrackten, aber dennoch funkigen Rhythmen und jazzigen Improvisationen”[1] resultierte in leergekauften, von den Münchnern mitgebrachten CD-Vorräten.

Die schwer improvisierten, an Helge Schneider erinnernden Ansagen von Gitarrist und Bandchef Jan Zehrfeld (“Auch wenn’s schwer fällt: wähle Zehrfeld!”) veranlassten mich dazu, nachträglich mit ihm ein Interview durchzuführen.

Das Ergebnis gibt es jetzt hier, in Farbe und bunt:

Jörn: Hallo Jan! Du machst im Moment Urlaub in Kalifornien und hast
dich hoffentlich schon gut erholt. Hat dich die Freakshow so
geschafft, das du dringend Urlaub brauchtest?

Jan: Der Juli insgesamt ist für viele Musiker ein arbeitsintensiver
Monat. Für mich speziell war dieses Jahr die Freakshow eigentlich das
“Zuckerl” am Ende. Der arbeitsärmere August bietet sich dann immer
wieder für einen Urlaub an.

Jörn: Du machst jetzt seit gut 13 Jahren Musik im Rock und Jazz.
Was waren in der Zeit deine prägensten und spektakulärsten Erlebnisse?

Jan: Am prägendsten war die Wirkung von harter Rockmusik auf mich, die mich
veranlasst hat, mit E-Gitarre anzufangen. Später dann das Streben
nach immer höherer musikalischer Eklektik, verursacht durch die
Beschäftigung mit Jazz und jazzverwandter Musik, das durch seine
Intensität unweigerlich in den Willen mündete, die Gitarre mit
beruflichen Absichten zu bedienen. Die Konsequenz war ein Jazzstudium
in Graz und München, das von vielen musikalisch prägenden Erlebnissen
bestimmt war, insbesondere dem Semester an der Sibelius-Akademie in
Helsinki.
Am spannendsten von meinen erlebten Konzerten empfand ich Meshuggah,
The Dillinger Escape Plan, Tribal Tech, Marcus Miller und die Brecker
Brothers.
Die spektakulärsten von meinen selber gespielten Gigs waren beim
Bundesjazzorchester, sowie meine Aushilfen bei Doldinger’s
Passport (Fusion), Elli (Rock) und bei einer
Gitte-Wencke-Siw-Show-Premiere (Querbeet-Rock-Pop-Jazz-Schlager).
Aber generell prägten und prägen mich jeder gespielte Gig, jede
Session, jedes gehörte Konzert, jede gehörte CD und jede erhaltene
Unterrichtsstunde auf ihre Weise gleichermaßen.

Jörn: Gibt es für Panzerballett-Fans noch andere Produktionen, an
denen du beteiligt warst und die man unbedingt hören sollte?

Jan: Da gibt es die Scheibe von “SLID” namens “Some Like It…Dad?!”,
die stilistisch dem Bereich des Speed-Metal zuordenbar ist, aber
auch mit allerlei krummtaktigen Raffinessen gewürzt ist. Eine
weitere, sehr interessante Produktion, die aber erst im Herbst oder
Winter dieses Jahres veröffentlicht wird, ist von “Lind”, betitelt
“Systematic Regulations Vol. 2″: Eine sehr abgefahrene Mischung
aus brachialem Hardcore und Fusion mit vielen elektronischen Elementen.
(“Systematic Regulations Vol. 1″ gibt es schon, aber ich spiele da
nicht — ich empfehle sie trotzdem.)

Jörn: Erzähl doch mal was zu Panzerballett: Wie ist die Band
entstanden, was sind eure Pläne für die Zukunft, wie sieht es mit
Konzerten und weiteren Aufnahmen aus?

Jan: Die Entstehung ist eine ziemlich lange Geschichte. Prinzipiell
muss hier gesagt werden, dass ich die Band ins Leben gerufen habe und
sowohl musikalisch als auch organisatorisch alles in meiner Hand liegt.
Es war eine lange Suche: Alles hat in Helsinki angefangen, wo ich mit
ein paar Musikern ein Demo meiner ersten Songs aufgenommen habe.
Später hatte ich eine Besetzung in Graz, und nach meiner Rückkehr nach
München hat es anderthalb Jahre gedauert, bis ich Musiker gefunden
hatte, die meine Stücke spielen konnten UND wollten. Wir haben zwei
Jahre lang als Quartett agiert, und dieses Jahr nahm ich eine zweite
Gitarre dazu.
Wir wollen auch in Zukunft unbedingt soviele Konzerte wie nur möglich
spielen. Leider ist das gar nicht so einfach zu organisieren, weil
ohne Gesang, dafür mit Saxophon, Jazzbühnen fast unsere einzige
Anlaufstelle sind, denen wir aber meistens zu laut oder zu “krass”
sind. Dass die generelle Giglage miserabel ist, macht es uns nicht
einfacher. Ich habe in der Summe wahrscheinlich länger den Telefonhörer
als die Gitarre in der Hand — ein Jammer!
Die nächste CD ist in Planung. Da eine Produktion aber nicht gerade
billig ist, hängt es davon ab, wie viele Gigs wir haben werden,
auf denen wir CDs verkaufen können. Vielleicht finden wir ja auch ein
Label, das alles bezahlt? Songs gäbe es jedenfalls genug.

Jörn: Bei eurem Konzert auf der Freakshow haben deine Ansagen sehr
zum Unterhaltungswert beigetragen, als Inspiration wurde bereits
Helge Schneider erwähnt. Wie siehst du das?

Jan: Den Leuten scheinen diese Ansagen immer wieder zu gefallen, was
ich durchaus positiv sehe.
Helge ist der Größte! Was er mit der Sprache macht, ist im
Prinzip nichts anderes als eine Jazzimprovisation. Was dabei rauskommt,
ist ein hochqualitativer, an Humor für meinen Geschmack kaum zu
überbietender Unsinn.
Keineswegs versuche ich, Helge zu kopieren, aber das Prinzip des
Improvisierens wende ich bei Ansagen gerne an und habe noch nie etwas
geplant oder vorbereitet. Ich rede einfach drauflos.

Jörn: Soweit ich das mitbekommen hab, seit ihr fast alle Profis im
Musikgeschäft und verdient damit auch euren Lebensunterhalt. Hast du
das jemals bereut? Was würdest du angehenden Musikern raten?

Jan: Ich habe es absolut nie bereut! Es ist schon dufte, morgens
auszuschlafen, dann nur neben einer Handvoll Ommas im Supermarkt zu
stehen und sagen zu können: “Die Gurke nehm ich! Hab ja gestern abend
Gage bekommen …” aber Spaß beiseite. Man sollte sich im Klaren
darueber sein, dass wenn man nicht gerade ein Wunderkind oder
Ausnahmetalent ist, “Kunst” und “Brot” schnell mal zwei voneinander
getrennte Begriffe darstellen können, und “Brot” dann mit “Dienstleistung”
einhergeht, was wiederum nach sich zieht, dass man Dinge können,
sich draufschaffen oder ertragen muss, die nicht unbedingt
im Zentrum des eigenen ursprünglichen Interesse stehen. Was nicht
heissen soll, das manche dieser Dinge nicht auch Spaß bereiten können.
Wenn ich überhaupt etwas raten will — denn jeder muss seinen eigenen
Weg finden –, dann ist es: Erstens seid offen, zweitens macht euer
eigenes Ding, drittens seid so zuverlässig wie möglich und viertens seid
sparsam mit Kompromissen.

Jörn: Sonst noch etwas, das der geneigte Leser unbedingt wissen
sollte?

Jan:

  1. Wir sind absolute Pazifisten!
  2. Wir sind laut!
  3. Wir machen nicht leiser! Prinzipiell gilt: Wenn ein Instrument lauter als die anderen ist, werden die Lautstärken der leiseren Instrumente nach oben angeglichen.

Vielen Dank an Jan!

[1] Freakshow Artrock-Festival, akw!, Würzburg, 29./30.7.2006, Bericht von Udo
[2] Panzerballett Homepage

-Jörn

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  1. 24. August 2006 |11:52

    Schönes Interview! Da bedauere ich glatt noch mehr, dass ich dem diesjährigen Freakshow Artrock-Festival nicht beiwohnen konnte..

  2. 27. August 2006 |15:31

    Coole Sache! Könnte auch mal wieder ein Interview führen, ist irgendwie spaßig. Toll auch, dass unser Herr Zehrfeld darauf eingegangen ist. :-)