Welche IT darfs denn sein?
9. April 2007 at 11:27 by Jörn Getting Started,Worth Reading

Mehrere Bekannte von mir sind auf bestem Wege, ihr Diplominformatikstudium abzuschließen. Sie müssen jetzt oder in einem Jahr nur noch ihre Diplomarbeit schreiben. Meine Frage, worüber sie denn schreiben wollen, oder sogar wo sie denn später sich bewerben wollen, konnte mir bisher keiner beantworten.

Nun könnte es enorm helfen, die zweite Frage zu klären, um dann auch die erste zu beantworten.

Im Laufe meiner Bewerbungen Anfang letzten Jahres ist mir einigermaßen klar geworden, welche Bereiche der IT es gibt. Ich unterscheide der Einfachheit halber zwischen zweien: Consulting und der ganze Rest.

Das erste Beispiel, das mir bei “dem ganzen Rest” immer einfällt, ist die IT-Abteilung von Firma XYZ. Firma XYZ ist eine Autoteilezulieferer, stellt also z.B. für Opel oder Mercedes Metall- und Plastikteile her, die später zum Zusammenbau eines kompletten PKWs verwendet werden. XYZ hat mehrere Hundert Mitarbeiter und braucht natürlich eine entsprechende Personalverwaltung. XYZ kauft natürlich Werkzeuge (gern auch mal im Tonnenbereich für ein Werkzeug) und alle möglichen Rohmaterialien ein. Benötigt also ein Warenwirtschaftssystem, z.B. SAP. All die Mitarbeiter, die mit SAP arbeiten, benötigen ihren eigenen PC, der gepflegt werden muss. Dafür gibt es zwar wieder Hilfsmittel, mit denen man zentral ein ganzes Netzwerk administrieren kann, z.B. über Nacht Rechner runterfahren und updaten, aber auch diese müssen installiert oder beherrscht werden.
Alles in allem also reichlich Arbeit, um eine komplette IT-Abteilung Tag und Nacht auf Trab zu halten. Da bei XYZ natürlich in drei Schichten gearbeitet wird, muss wahrscheinlich auch nachts noch jemand aus der IT zur Stelle sein, oder wenigtens auf Bereitschaft.

Ich selbst arbeite jetzt seit einem Jahr im Consulting-Bereich, und bin damit auch sehr zufrieden.

Nehmen wir mal Consulting-Firma LLK als Beispiel: Neben zwei Mitarbeitern kümmert sich auch einer der beiden Geschäfsführer um den Vertrieb, der Kunden und Projekte ranholt. Drei Projektleiter managen diese Projekte, schreiben Angebote und verteilen Projekte an die 20 Entwickler. Sieben der Entwickler arbeiten allerdings nicht in den Büros von LLK, sondern sitzen Vollzeit bei verschiedenen Kunden vor Ort. Einige zur reinen Entwicklung, andere mehr in beratender Funktion. Von den 20 Leuten sind auch vier Subcontractors, kurz Subco, auch bekannt als Freelancer oder freie Mitarbeiter. Diese arbeiten meist nur an einzelnen Projekten mit, bekommen nicht die Sicherheit einer Festanstellung, dafür aber aufgrund ihres projektbezogenen Expertenwissens potenziell bessere Bezahlung. Ansonsten gibt es noch Mitarbeiter, die sich um Administration und Buchhaltung kümmern.

Die ersten Projekte von LLK waren alle Maßanfertigungen: Ein Kunde benötigte eine bestimmte Anwendung, diese wurde für ihn entwickelt und gepflegt. Bis auf die Erfahrungen, die zwischen den Entwicklern ausgetauscht wurden, gab es keine Synergien mit anderen Projekten. Nach ein paar Jahren wurde ein bestimmter Typ von Anwendungen ausgemacht, den viele Kunden von LLK benötigen. Es enstand ein Produkt. Ein prominentes Beispiel für ein Produkt wäre z.B. Microsoft Word. Weitere Jahre später hat LLK eine ganze Reihe von Produkten entwickelt und daraus eine Produktlinie gemacht. So wurde auch aus MS Word oder Excel die Office Produktlinie. Oder aus diversen Einzelprodukten das Komplettpaket SAP.
Doch warum überhaupt Produkte? Es ist doch viel schwerer eine Anwendung zu entwickeln, mit denen viele Kunden zufrieden sind, als eine Anwendung zu schreiben, die auf die Wünsche eines einzelnen Kunden angefertigt wird. Mal abgesehen, das diese Ansicht bereits zweifelhaft ist, entscheidend ist der Kostenfaktor: Das Design und Entwickeln eines PKWs verursacht genauso Kosten wie die Produktion jeder einzelnen Instanz dieses Modells. Bei der Softwareentwicklung hingegen kostet die Duplizierung nichts. Eine einmal entwickelte Software kann beliebig oft verkauft werden, ohne nenneswerte Produktionskosten für jede einzelne Kopie. Dank Breitbandinternet wird heutzutage ohnehin häufig direkt über das Internet verkauft und verteilt, sei es eine Webanwendung als war-Datei oder PC-Spiele per Steam.

Was mich am Consulting reizt, sind die ständig wechselenden Herausforderungen. Heute entwickelt man noch J2EE-basierte Portlet-Webanwendungen, morgen auf Basis von Eclipse RCP, übermorgen muss es auf beidem laufen… Für kein Projekt steht genug Zeit zur Verfügung, um es richtig zu machen, doch macht man es falsch, ist man noch Monate mit Bugfixing beschäftigt. Und wenn man Fehlerquellen in Code suchen muss, den man ein paar Monate nicht angerührt hat, wird es noch wesentlich schwieriger.
Und auch wenn sich aus den einzelnen Anwendungen kein Produkt entwickeln lässt, so sind mit Sicherheit Gemeinsamkeiten vorhanden. Lohnt es sich, die Gemeinsamkeiten in ein firmeninternes Framework zu extrahieren? Findet man die Zeit, das auch entsprechend zu dokumentieren?

Mittlerweile bin ich mir sehr sicher, das man mit einem Prinzip sehr viele dieser Probleme erschlagen kann, auch wenn es enorm schwer sein kann, das immer durchzuziehen: Don’t repeat yourself, kurz, DRY. Wir haben zwei Webanwendungen, die jeweils im UI eine Datumsauswahl haben? Schreiben wir doch einen Datepicker und verwenden den in beiden.

Noch zuletzt ein Aspekt, der durchaus ein großen Einfluss auf die Beantwortung der ersten beiden Fragen haben kann: Der Standort. Im ganzen Oberbergischen habe ich nur eine Consulting-Firma gefunden, Firmen mit IT-Abteilungen gibt es hingegen reichlich. Im Kölner Raum gibt es hingegen einen ganzen Haufen an Consulting-Firmen, was zunächst einmal die Jobsuche deutlich vereinfacht. Nun ist das Wohnen in Köln allerdings auch deutlich teurer.

Hoffe, hiermit bei der Beantwortung der ein oder anderen Frage behilflich gewesen zu sein.

-Jörn

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  1. 9. April 2007 |13:55

    Sehr interessant, dass du in dem Artikel Consulting aus einer andere Richtung darstellst, als ich es bisher gesehen hab. Ich habe nämlich angenommen, dass Consulting eher was mit Beratung an sich zu tun hat und automatisch auch Kenntnissen der BWL verlangt. Du stellst es dagegen eher als Erbringung von IT-Dienstleistungen dar.

    Und ja, eine normale IT-Abteilung findet man in so gut wie jedem Unternehmen. Aber das ist auch selten die Art von Arbeit, die man nach einem Studium sucht. Man ist meistens einfach überqualifiziert für so etwas. Man tendiert eher Richtung spezialisierter Entwicklung, sei es mit Hilfe von SPS-Systemen, Design von Schaltungen bzw. Hardware oder gar in Bereichen, wie der digitalen Signalverarbeitung. (alles jetzt sehr auf die technische Informatik bezogen)

    Auch sollte man noch einen anderen Punkt nicht unterschätzen: die Forschung. Oft muss diese ja erst erbracht werden, bevor ein Produkt lanciert werden kann. Hab gerade in meinem Praxissemester bei SFi gesehen, dass oft Leute für F&E-Aufgaben gesucht wurden. Dies ist natürlich recht projektbezogen und geht auch Richtung Erbringung von Dienstleistungen, wobei die Leute nach Abschluss auch oft direkt für andere Projekte in derselben Firma “genutzt” werden..

  2. 14. April 2007 |08:28

    “Für kein Projekt steht genug Zeit zur Verfügung, um es richtig zu machen”

    Naja, also das is ja dann wohl mal ein Zeichen für schlechte Projektplanung. Es sei denn, dass ganze läuft nach CriticalChain – du machst dir Stress, weil du gesagt hast, in z.B. 4 Tagen isses fertig, aber tatsächlich hast du noch einen Projektpuffer hintendran (von dem du im Idealfall aber nichts weisst :P ).

    Zu Tomasz: Der Mitarbeiter ist dort ja meistens nur einer “Ressource”, wobei das jetzt nicht negativ gemeint ist. Bei den meisten kleineren IT-Unternehmen gibt es nur ein paar Zentrale Schlüsselpositionen – der Rest befindet sich im Fluss. Dementsprechend sehen dann natürlich auch die Organigramme aus – wenn man sich mal die Mühe macht, eines zu erstellen.

  3. 17. April 2007 |13:48

    “Und ja, eine normale IT-Abteilung findet man in so gut wie jedem Unternehmen. Aber das ist auch selten die Art von Arbeit, die man nach einem Studium sucht. Man ist meistens einfach überqualifiziert für so etwas.”

    Äh… na ja, ich denke ob IT-Abteilung oder Consulting ist vor allem stark von der eigenen Persönlichkeit abhängig. Consulting heißt halt ganz oft Reisetätigkeit und je größer das Consulting-Unternehmen, desto weiter und häufiger die Reisen. Das muß man halt mögen… IT-Abteilung heißt dann eher fester Arbeitsplatz an einem festen Ort (und abends bei der Familie und nicht im Hotel z.B.).

    Die Aufgaben in einer IT-Abteilung können genauso herausfordernd sein, wie beim Consulting, manchmal sogar noch viel mehr. Ich bin in einer IT-Abteilung einer Bank, habe Personalverantwortung für sieben Mitarbeiter und Verantwortung für ordentliches Budget. Mein Team steuert diverse externe Consultants, die nach unseren Vorgaben Aufgaben erledigen. Außerdem steuern wir eine Outsourcing-Lösung… da ist auch ganz schön spannend ;-)

    Und “schlechte Projektplanung”: Ja, das kommt vor. Aber es ist halt fakt, dass viele Termine “politischer Natur” sind und schon vor Beginn eines Projektes feststehen. Da kann man mit Planung lediglich noch versuchen, die Katastrophe zu verhindern. Das ist nicht schön, aber leider die Realität. Oftmals ist es auch so, dass das Marktumfeld manchmal schnelles Handeln unvermeidlich macht.

    ThomK

  4. 18. April 2007 |21:33

    Arbeit in einer IT-Abteilung kann sicherlich herausfordernd und spannend sein, aber ich hab es stark aus der Sicht eines technischen Informatikers verfasst. (wurde auch extra nach dem Abschnitt in der Klammer erwähnt!)
    Dieser Bereich der Informatik bewegt sich ja sehr nahe an den Ingenieurwissenschaften. Und in einer „normalen“ IT-Abteilung ist es für solch einen Menschen eben oft nicht besonders spannend. Bzw. anders gesagt: es ist meist nicht das, was er machen will. :)